Beschreibung
Rezension
Manfred Weule (Hrsg.): Vor dem Breiten Tor. Geschichten um die Maschinenfabrik Hermann Weule Goslar 1895-1973. Papierflieger Verlag, Clausthal-Zellerfeld 2026. 105 Seiten A5.
Der Glockenturm über der Maschinenfabrik in der Okerstraße 16 trägt kein Kreuz. Er steht für sich allein – Sinnbild einer protestantischen Arbeitsethik, die keiner höheren Legitimation bedarf als der eigenen Leistung. Mit diesem Bild eröffnet Manfred Weule sein Buch, und es ist ein treffend gewähltes Leitmotiv: Denn dieses Werk handelt von Menschen, die Großes geschaffen haben und dabei vieles verschwiegen haben, was eigentlich gesagt werden müsste.
Die Maschinenfabrik Hermann Weule war fast acht Jahrzehnte eine „erste Adresse im Spezialmaschinenbau“, gegründet 1895, geführt durch zwei Weltkriege und eine Weltwirtschaftskrise, bis zum Verkauf und zur Liquidation in den 1970er Jahren. Manfred Weule, Enkel des Gründers, hat aus dem Nachlass seines Vaters Geschichten, Aktennotizen, Fotos und Zeitzeugnisse zusammengestellt und mit eigenen Kommentaren versehen. Herausgekommen ist ein persönliches, regional verwurzeltes und gleichzeitig universell lesbares Buch über Aufbau und Verlust, über Schweigen und Erinnern.
Manfred Weule setzt sich in diesem Buch ein doppeltes Ziel: Er will die Geschichte seiner Familie und ihrer Fabrik würdigen und er will das Schweigen brechen. Als Angehöriger des Jahrgangs 1947 gehört er zur ersten Nachkriegsgeneration, die mit dem Schweigen der Eltern über Nationalsozialismus, Krieg und ihre eigene Verstrickung aufgewachsen ist. In seinen Texten – eingefügt als kommentierende Rahmung in das hinterlassene Material seines Vaters – nimmt er dieses Schweigen ernst, ohne es zu entschuldigen.
Besondere Stärke gewinnt das Werk dort, wo es über Fabrikgeschichte hinausgeht: in der nüchternen Benennung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die im Betrieb beschäftigt waren, und im ergreifenden Schlussgespräch zwischen Sohn und Vater – ein imaginärer Dialog über Autorität, Kriegserfahrung und das, was zwischen Generationen weitergegeben wird, ob man es will oder nicht.
Wer sich für die Geschichte des Harzes interessiert, findet hier ein lebendiges Stück regionale Industriegeschichte. Wer über Ahnenerbe – das gute wie das schwierige – nachdenkt, findet ein ehrliches Zeugnis.
Andreas Höllmüller, Unternehmensberater, Wien, Juni 2026











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